Mittwoch, 16. Februar 2011

Die Frage nach dem Umgang mit Kritik


Herzlichen Dank an Sonja für die inspirierende Frage in ihrem Blog. Ich habe eigentlich  Urlaub und deshalb mal ordentlich nachgedacht, wie das nun bei mir ist und bin erstaunt was dabei rausgekommen ist!

Ich muss ganz stark zwischen öffentlichem und privatem Leben unterscheiden, denn die Mechanismen und die Bedeutungsebenen empfinde ich als sehr unterschiedlich.
Im Privatleben bin ich emotional involviert, beruflich kann ich – sofern ich nicht nur gesetzte Autorität bin, sondern mir Autorität erworbenen habe - die Situationen viel einfacher strukturieren. 

BERUFLICH:
Derzeit arbeite mit Hunderten junger Erwachsener. Bis auf eine Handvoll Menschen sind sie zunächst nie freiwillig an der Zusammenarbeit interessiert. Die berufliche Situation birgt nach meiner Ansicht  zwei wichtige dynamische Faktoren, wenn es um Kritik geht. Ich weiß  Menge kann zum Kritik-Mob werden, wenn sie unzufrieden ist und sie kann eine wunderbare produktive Dynamik entwickeln, wenn sie sich gut aufgehoben fühlt.  Beides ist wie eine Infektion und ich habe beides erlebt. Es lässt sich feststellen,  dass wenn der Wertschätzungsfaktor (1) stimmt, offenbar in der Regel auch der Kritikfähigkeitsfaktor (2) stimmt. Klingt vielleicht selbstverständlich, aber ist oft ja nicht so einfach zu erwirken. In meinem jetzigen Job entscheidet sich alles in der ersten Begegnung und damit  kann ich zum Glück auf den Punkt 1 gut einwirken und damit ergibt sich Punkt 2 dann auch. Fühle ich mich als  in meiner Rolle akzeptiert, erlebe ich Kritik bereichernd. Toll ist, dass man diese Prozesse steuern kann, wenn man eine Gruppe leitet. Darin sehe ich im jetzigen Job "meine" größte pädagogische Aufgabe. Deshalb fühlt es sich für mich auch echt schlimm an, wenn es mir mal nicht gelingt.  

Apropos: Ich brauche aus privaten Gründen ab 1.4. eine neue Stelle zwischen Hamburg und Kiel (-;

PRIVAT:
Im Privatleben  kann ich nicht einfach sagen „blöder Mensch, tja, sieht der halt anders als ich. Soll er doch“.  Privat hat sich jemand freiwillig für ein vielschichtiges Miteinander mit mir entschieden. Das komplette ganze Paket, jeden Tag wieder. Damit fühlt sich Kritik anders an. Sie spricht  andere Gefühls- und Erlebensebenen in mir an. Man steht sich näher, bewegt sich gleichberechtigt, ist freiwillig gebunden. Ruckzuck steht  das Gefühl  der Abwertung irgendwo im Raum und das tut ja privat um ein Vielfaches mehr weh. Und dann geht es plötzlich womöglich nur noch darum „wer gewinnt“. Wir haben versucht uns anzugewöhnen die „du hast aber gesagt/getan/…“ – Diskussion nach Möglichkeit zu vermeiden und stattdessen lieber „ich habe dich soundso verstanden“ zu sagen. Auch versuchen wir die Kritik des anderen zu als Offenheit, Nähe und Beziehungsgestaltung zu beidseitiger Zufriedenheit zu sehen…  soll ja noch ein paar Jahre halten.  Und wir bemühen uns darum,  nicht zwischen den Zeilen zu sprechen oder zu lesen – das Leben ist kompliziert genug, also versuchen wir Kritik sachlich zu formulieren, anzunehmen und keine zu sehen, wo keine ist. (-:


Mein Fazit  für berufliche und private Situationen: Ich muss mich 1. vom Gegenüber  grundsätzlich gewertschätzt fühlen, damit ich 2. richtig mit Kritik umgehen kann.  Beruflich wie privat gilt für mich: bei latent gefühlter mangelnder Wertschätzung bin unmotiviert negative Kritik zu hören und reagiere träge bis abwehrend.  In einem grundsätzlich gut funktionierenden System hingegen entdecke ich schnell intrinsische Motivation, um der Kritik ihr positives Potenzial zu entnehmen und was draus zu machen.
Es bleibt wohl dabei: Empathie, Wertschätzung und Kongruenz - um es unter Kollegen mit C. Rogers ausdrücken.

Und wie sehen das nun andere Menschen?

Kommentare:

  1. Hallo! Ja, Emphatie, Wertschätzung und Kongruenz sind sehr wichtig und sie machen es einfacher, Kritik anzunehmen und umzusetzen. Trotzdem denke ich, dass auch in unemphatisch ausgesprochener und wenig wertschätzender Kritik ein Kern steckt, der uns weiterbringen kann, wenn wir ihn entdecken.
    Zwischen Hamburg und Kiel kenne ich mich so gar nicht aus. Was suchst du denn?? Ich wünsche dir auf jeden Fall, dass du bald etwas Passendes findest!
    Liebe Grüße von Sonja

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  2. Liebe Sonja,
    da bin ich mir mit dir einig. Es ging mir nur darum, dass ich finde, solche Kritik ist schwieriger anzunehmen als die empathische Rückmeldung.
    Lieben Gruß vom Maiglückchen (-:

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  3. Danke für die Nachfrage bezüglich des neunen Jobs:
    Ich bin Kauffrau, Erzieherin und Erzeihungswissenschaftlerin. So hoffe, dass ich etwas finde, wo ich alles ein wenig gebrauchen kann. Beratung, Projektmanagement, Lehre. Das ist es was ich gut kann.

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  4. Ich bemerke auch oft, dass es mir schwer fällt, Kritik anzunehmen, wenn ich merke, dass sie genau ins Schwarze trifft - egal ob emphatisch oder nicht. Dann wehre ich mich sehr heftig.
    Ich drück die Daumen für den Job! Weiß nicht, wie die Jobsituation "da oben" aussieht.
    Liebe Grüße!

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